Der CPE, der kein CNE-jeunes sein durfte
Auf dem linguistischen Schleudersitz.
Die Proteste in Frankreich gegen den von Premierminister de Villepin nahezu im Alleingang ausgearbeiteten CPE (contrat première embauche; “Ersteinstellungsvertrag”) haben in der Zwischenzeit Dimensionen angenommen, die auch für französische Verhältnisse unüblich sind. Streiks und Demonstrationen sind in Frankreich - anders als in Deutschland - zwar durchaus nicht ungewöhnlich. Dass gestern zwischen 92 000 (nach Angaben der Polizei) bzw. 700 000 (nach Gewerkschaftsangaben) alleine in Paris auf die Straße gegangen sind, wird aber wohl als größte Demonstration der letzten 20 Jahre in die Annalen eingehen. Daran ändert auch das krasse Missverhältnis bei der Schätzung der Teilnehmerzahlen nichts…
Ob und als was de Villepin in die Historie eingehen wird, bleibt abzuwarten. Noch hält sich Nicolas ‘Kärcher‘ Sarkozy als mutmaßlicher Konkurrent um den Einzug in den Elysée-Palast auffällig zurück, aber das mag sich ändern.
In jedem Fall lässt sich schon jetzt sagen, dass die Moral aus der Geschichte folgende ist: Im Idealfall sollte man potentiell brisante Gesetzesvorhaben vorher mit den Fachministern abstimmen und vielleicht sogar die betroffenen Interessengruppen anhören. Möchte man das nicht tun und vertraut stattdessen lieber auf seinen Beraterzirkel, sollte man etwaige Abkürzungen mit großer Umsicht wählen. Das weiß natürlich auch der ominöse Beraterzirkel, und so gab es in der Tat langwierige Diskussionen darüber, ob der CPE so genannt werden soll wie er jetzt genannt wird.
Der CPE ist eigentlich ein CNE (contrat nouvelle embauche; “Neueinstellungsvertrag”), der sich speziell an Jugendliche unter 26 Jahren richtet (und ebenfalls ein unbefristeter Arbeitsvertrag ist; CDI - contrat à durée indéterminée). Insofern hätte sich auch “CNE-jeunes” angeboten. Das erinnert aber fatal an “SMIC-jeunes” (offiziell CIP: contrat d’insertion professionnelle), der 1995 Edouard Balladur die Präsidentschaft kostete. Zudem hatte man beim CNE den Gewerkschaften zugesichert, den CNE mit seinen speziellen Kündigungsregelungen nach 6 Monaten auf seine Tauglichkeit zu überprüfen. Die 6 Monate waren aber noch nicht abgelaufen, sodass sich schon alleine deswegen jegliche Erwähnung des CNE verbot. Kern des CPE ist eine zweijährige Probezeit (”période de consolidation”), während derer der Arbeitgeber grundsätzlich ohne Angabe von Gründen (”sans avoir à fournir de motifs de licenciement”) eine Kündigung aussprechen kann.
In der Zwischenzeit freilich hat sich herausgestellt, dass auch die Abkürzung CPE zwar durchaus positiv konnotiert und politisch unbelastet ist, sich aber auch hervorragend zu den aberwitzigsten Verballhornungen eignet. Und so wird auf den Transparenten der protestierenden Studenten aus contrat première embauche:
- contrat de précarité éternelle (in etwa “Vertrag der ewigen [beruflichen] Unsicherheit”),
- contrat premières emmerdes (in etwa “Vertrag des ersten Ärgers [beim Start ins Berufsleben],
- contrat précaire éjectable (in etwa “Vertrag des unsicheren Schleudersitzes”),
- cocktails, pavés, émeutes (”[Molotow]cocktail, Pflastersteine, Aufstand”; in Anspielung auf 1968),
- chômage, précarité, exclusion (”Arbeitslosigkeit, Unsicherheit, soziale Ausgrenzung”),
- chômage, précarité, exploitation (”Arbeitslosigkeit, Unsicherheit, Ausbeutung”) und
- chemin pour l’esclavage (in etwa “Weg in die Sklaverei”).
In der Privatwirtschaft würde man so etwas wohl einen Marketing-Gau nennen. Der eine oder andere aus de Villepins Beraterstab jedenfalls bereut es unbestätigten Gerüchten zufolge, für diesen Vertragstyp nicht doch CNE-jeunes gewählt zu haben. Schlimmer als mit dem CPE hätte das auch nicht werden können…